Haus-Gottesdienst am Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020 von Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe, Oferdingen

Kerze anzünden – Persönliches Innehalten

Eingangsgebet

Herr, unser Gott,

du bist voll ungeahnter Möglichkeiten:

Mein Licht, mein Heil, meines Lebens Kraft und meine Hilfe.

Darauf hoffen wir, wenn wir uns im Hier und Jetzt zu dir wenden.

Schenke uns Mut, der unsere Ängste überwindet.

Schenke uns Fantasie, die unseren Träumen Flügel leiht.

Lass uns spüren, dass dein Geist uns lebendig, zuversichtlich und fröhlich macht. Amen.

Lied: EG 136,1-3   (O komm, du Geist der Wahrheit)

Predigt (Jeremia 31,31-34)

Liebe Gemeinde,

Zwischenzeit.

Der Duden definiert dieses Wort »Zwischenzeit« als „Zeitraum zwischen zwei zeitlichen Markierungspunkten“.

Eine solche Zwischenzeit markiert der heutige Sonntag mit dem Namen Exaudi („Höre“, vgl. Ps 27,7), der im Kirchenjahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten steht. Für die Jüngerinnen und Jünger fängt mit der Himmelfahrt von Jesus Christus eine solche Zwischenzeit an: Jesus ist nicht mehr unter ihnen und der „Geist der Wahrheit“ (Joh 16,13), der ihnen verheißen ist, ist noch nicht da – das Pfingstfest steht ja noch aus. Und so standen vielleicht auch die Jüngerinnen und Jünger in ihrer Zwischenzeit damals unsicher und ängstlich vor der Frage: „Was kann Halt geben, wenn ich in der Luft hänge?“

Das Leben in solchen »Zwischenzeiten«, als „Zeiträume zwischen zwei zeitlichen Markierungspunkten“, ist, so denke ich, eine Grunderfahrung unseres menschlichen Lebens:

Wir leben in einer »Zwischenzeit« zwischen Lockdown und Rückkehr zur Normalität.

Die Corona-Krise hat unser soziales und gesellschaftliches Leben lahmgelegt. Ganz langsam beginnen wir auf verschiedenen Ebenen (Wirtschaft, Schule, Gottesdienst), Schritte Richtung Normalität zu gehen. Wie sehr wünschen wir uns doch wiederunser altes Leben beziehungsweise die echte Normalität zurück – Leben in der Zwischenzeit.

Wir leben immer wieder zudem in »Zwischenzeiten« zwischen Abbruch und manchmal (unbekanntem) Neubeginn.

Die Erfahrung, dass wir zwischen dem Ende von Altem und Beginn von Neuem leben, machen wir immer wieder. Wir fragen uns: Was passiert mit uns nach Schule, Ausbildung oder im Rahmen einer beruflichen oder örtlichen Veränderung? Wie geht es nach dem Abbruch von Beziehungen weiter? Was erwartet uns da an Neuem und Unbekanntem?

Immer wieder sind wir in solche »Zwischenzeiten«, die eine Geschichte zwischen zwei Markierungspunkten beschreiben, hineingestellt – unsicher, aufgeregt, mutlos oder gespannt vor solch einem neuen Markierungspunkt fragen auch wir uns: „Was kann Halt geben, wenn ich in der Luft hänge?“

Jeremia, seines Zeichens Prophet und Sprachrohr Gottes, seufzt. „Auch ich kann ein Lied davon singen,“ so hört er sich zu sich selbst sagen. Er steht in der zerstörten Tempelanlage in Jerusalem – hier wie in der ganzen Stadt ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Die Babylonier haben vor ein paar Jahren die Stadt sprichwörtlich auseinandergenommen. Die Gassen sind wie leergefegt, die Stadt vegetiert führungslos vor sich hin. Schmerzlich erinnert sich Jeremia an den Lärm von Krieg, Folter, Tod und Klagegeschrei. Und daran, wie die Babylonier besonders die Oberschicht von Jerusalem/Juda in ihr Land deportiert hatten.

Die Erinnerung an diese Zeiten schmerzt Jeremia. „Unheil“ und „Gericht“ zu verkündigen (Jer 1,14.16) – so lautete der Auftrag von seinem Gott, der ihn als Prophet in seinen Dienst gestellt hatte. Der Abfall des Volkes von seinem Gott, das Anbeten fremder Götzen und politisches Machtgeschacher hatten letztlich das Fass zum Überlaufen gebracht. Sein Einwand, er sei „zu jung“ (Jer 1,6) war unerhört geblieben. Stattdessen wurde er ins kalte Wasser geworfen – mit dem Rucksack eines schweren Auftrages auf dem Rücken (vgl. Jer 1,19), der ihn immer wieder belastet und dem erbarmungslosen Widerstreit seiner Mitmenschen ausgesetzt hat (vgl. Jer 11-20).

Traurig, geknickt und verbittert setzt sich Jeremia auf den Stumpf einer Tempelsäule. Er lässt seinen Blick über die Überreste des Tempels schweifen. Der Tempel in seiner ganzen Pracht war für ihn der Inbegriff der Hoffnung – ja Zeichen und Garant für den Bund zwischen Gott und den Menschen. Doch mit seiner Zerstörung ist für Jeremia, so fühlt er es zumindest, ein wichtiger Markierungspunkt weggebrochen. Er fühlt sich niedergeschlagen und unsicher. Unsicher, welcher neue Markierungspunkt auf ihn warten wird. Und so fragt er sich beklommen: „Was kann mir jetzt Halt geben, wo ich in der Luft hänge?“

Jeremia merkt plötzlich auf. Ihm ist es, als würden sich die folgenden Worte beinahe auf sein verzagtes und unsicheres Herz legen:

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,

32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr;

33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Ein „neuer Bund“ (Jer 31,31) mit Gottes Weisungen in „Herz“ und „Sinn“ (Jer 31,33). Immer und immer wieder sagt Jeremia diese Worte vor sich hin.

Den Menschen wird ein neuer Bund verheißen, der keine Belehrung mehr braucht (vgl. Jer 31,34). Ein neuer Bund im Herzen, dauerhaft getragen von Gottes Treue und seiner liebevollen Zuwendung zu uns Menschen, die auf eine neue Beziehung zwischen Gott und Mensch aus ist. Es geht um eine Beziehung, so denkt Jeremia bei sich, die nicht mehr abbrechen kann und tragfähig ist. Denn Gott will sich dem Menschen gerade in seiner Schwachheit, und in seinen Umbrüchen zuwenden. Er will einen Schlussstrich unter menschliches Versagen ziehen. Er will den Menschen einen großen Neuanfang verheißen, indem, so murmelt Jeremia vor sich hin, er „ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“ (Jer 31,34) will.

Es sind Worte, die sich wie Balsam um und auf Jeremias Herz legen: Gott sagt den Menschen einen Bund zu. Ein Bund heißt: „Gott hält zu mir und zu uns Menschen.“

Es sind Worte, die sein niedergeschlagenes und unsicheres Herz wieder in den richtigen Takt zu bringen scheinen. Denn Jeremia merkt: Es ist umfangen von Gottes Treue und seiner liebevollen Zuwendung zu ihm, zu den Menschen. Dieses »Umfangensein« möchte all das, wofür das Herz (alttestamentlich) steht, bestimmen und leiten: Die Wahrnehmung, den Verstand, die Willenskraft, den Tatendrang, die Gefühle und die Lebensenergie.

Ja, so denkt Jeremia weiter, was wäre, wenn gar alle Menschen von diesem »Umfangensein« von Gott, seinen Weisungen, aus seiner Treue und seiner liebevollen Zuwendung her leben würden? Auch dafür haben Gottes Worte Jeremia eine Wendung ins Herz gelegt: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein.“ (Jer 31,33) Jeremia wird noch wärmer ums Herz: Eine neue und heile Welt, in der die Menschen in Einklang mit Gott als Schöpfer und der Schöpfung leben. Eine neue und heile Welt, in der Frieden herrscht, weil die Menschen von Gottes gutem Willen in „Herz“ und „Sinn“ erfüllt sind.

Umgeben von dieser Verheißung im Herzen kann Jeremia aufstehen und weitergehen. Sie ist etwas, das ihm Halt gibt – in seiner »Zwischenzeit«.

Von dieser Verheißung, aus der Jeremia lebt, wissen wir als Christinnen und Christen in der Zwischenzeit gar mehr: Denn wir glauben, dass Gott diese Verheißung des „neuen Bundes“ (Jer 31,31) in Jesus Christus zu erfüllen begonnen hat. Das, was Jeremia schon als neue Hoffnung empfinden konnte, ist in Jesus Christus schon mitten unter uns: In ihm hat Gott seinen neuen Bund mit uns bestätigt.

 Er hat Menschen in ihren »Zwischenzeiten« neue Hoffnung und Perspektiven gegeben, indem er Grenzen und Hass überwunden, Liebe und Annahme gelebt hat und die Mühseligen und Beladenen gestärkt hat. Ja unsere „Missetat“ und „Sünde“ (Jer 31,34) hat er ans Kreuz getragen, damit wir leben und hinleben dürfen auf den großen Markierungspunkt in Gottes Reich, der bereits im Hier und Jetzt unsere Gegenwart bescheint – hoffnungsvoll, ermutigend, unsere Talente und Kräfte für andere einsetzend, auch in den »Zwischenzeiten« unseres Lebens.

Denn das Leben in »Zwischenzeiten«, als „Zeiträume zwischen zwei zeitlichen Markierungspunkten“, ist, so denke ich, liebe Gemeinde, eine Grunderfahrung unseres menschlichen Lebens. Unsicher, aufgeregt, mutlos oder gespannt vor solch einem neuen Markierungspunkt fragen auch wir uns: „Was kann Halt geben, wenn ich in der Luft hänge?“

Wir sind dabei fest mit Jeremias Erfahrungen verbunden: Er wie wir sind Menschen, die immer und immer wieder an der Gegenwart mit ihren Herausforderungen und Unwegbarkeiten kämpfen müssen – und doch sind wir auch Menschen, die von einer Hoffnungsperspektive getragen sind: Von Gottes Treue, seiner liebevollen Zuwendung und seiner Verheißung in „Herz“ und „Sinn“ (Jer 31,33).

Amen.

Lied: EG 325,1.3.4 (Sollt ich meinem Gott nicht singen?)

Fürbittengebet

Ewiger und barmherziger Gott,

immer wieder stehen wir in unserem Leben in Zwischenzeiten.

Unsicher, aufgeregt, mutlos und gespannt vor einem neuen Markierungspunkt fragen wir uns, was Halt gibt. Du und dein Wort, ewiger Gott.

Lege dich und lege sie auf und um unser Herz.

Den Verzweifelten als Stütze. Den Kranken als Hilfe. Den Traurigen als Trost.

Uns zur Stärkung und zum aktiven Handeln in und an der Welt.

Das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Vaterunser

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 Segen

Der Herr segne euch und behüte euch.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

Kerze auspusten – Stille

 

Bild– und Quellenangaben:

Das Bild auf der Vorderseite stammt von Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe und stellt einen Ausschnitt von einem Regenbogen mit Fingerfarben dar.

Das Zitat aus dem Duden findet sich unter Vgl. www.duden.de/rechtschreibung/Zwischenzeit, 21.05.2020, 21.45 Uhr.